da sitz ich wieder und schreib. Ich hab zeit zu toeten weil meine Freundin nicht ans Telefon geht. Ich schreib euch also noch ein bisschen von Humla, so ganz allgemein , bevor ich auf dumme Gedanken komme.
Humla also,wWenn man da hingeht, dann ist man im Jahr 2065 (wie in ganz nepal die haben hier ja einen ganz anderen kalender), aber dort fuehlt sichs an wie 1765. Man stelle sich eine Gegend vor, die vollkommen frei ist von Autos oder sonstigen motorisierten fahrzeugen. Eine Gegend wo selbst die hoechsten Regierungsbeamten und sonstigen wichtigen leuten zu fuss zu einem kommen, wenn sie was sagen wollen, weil es ueberall nur Fusswege gibt, und an den meisten Orten auch keine Elektrizitaet und damit auch kein Telefon. Simikot ist die Hauptstadt(da gibts oefters Strom und Telefon) , da kommen die Flieger hin, die Bruecke zur Aussenwelt, die regelmaessig zusammenbricht, sobald Regen feallt (und in die drecklandebahn riessige loecher reisst) oder es schneit oder die Leute vom Flughafen Urlaub machen. Die Loecher sind uebrigends zunaechst mit grossen mengen von Cannabis sativa (Hanf) gefuellt worden, ein material, welches in Humla einfach ueberall in Unmengen wild waechst. Es gab mal ein wunderhuebsches Foto von so einem Ganja-gefuellten Loch, doch ein gestern hier im Internetcafe aquirierter Virus hat einen grossen Teil meiner Fotos und alle Videos zerstoert. (besonders von Gosainkund)
Simikot also ist ein Ort, den man nicht einfach so aufsuchen kann, wenn man das will, sondern wo man seine Ankunft oder Abreise auf einer Wunschliste mit Optionstagen eintraegt. Die Liste ist dann je nach Gegebenheiten unterschiedlich lang, manchmal ist man froh, wenn man im Laufe von 2 Wochen “Otion Days” irgendeinen Flug kriegt. Das laeuft dann so, dass die Sirene aufhaeult, und man dann so schnell es geht zum “Flughafen” rennt und hofft bei dem Flug mit dabei zu sein (oder man schickt jemanden hin der den ganzen Tag am Flughafen sitzt und ganz schnell baschid sagt sobald sich was ergibt). Diverse einflussfaktoren (vor allem Beziehungen zu wichtigen Leuten) haben jedenfallsentscheidenden einfluss. Das Ticket bekommt man dann kurz vor dem Einsteigen in die Hand gedrueckt. Einmal wollte eine Gruppe von schuelern rausfliegen wegen eines wichtigen abschlussexamens, das war nach einer periode von 2 Wochen Regen in der alle Fluege ausgefallen waren. Irgendwann flog ein einzelner Helikopter. Der Lokal development officer hatte eingefaedelt, dass eine gruppe von seinen Spezis fliegen konnte. Die Schueler waren so aufgebracht, dass sie begannen den Heli mit Steinen zu bewerfen und an den Raedern zu zerren - nur ne kleine Anekdote.
Ja, Humla also, die Gegend heisst auch “the hidden Himalaya” weil es vollkommen unzugaenlich ist. Im Norden kommen krasse Berge die die grenze zum Hochland von Tibet darstellen, im Sueden sind auch krasse Berge, die die gegend vom rest von Nepal abtrennen. Es ist also eingekesselt von gaanz vielen krassen Bergen. Einst war es aber trotzdem eine der wohlhabendsten Gegenden Nepals, weil dereinst das Salz der Nepalesen aus Tibet kam. Himalaya-Steinsalz sozusagen. Heutzutage kann man sowas in krassen Laeden fuer teuer kaufen. Nepal hat ja kein Meer und bis zum Indischen Ozean ists weit, so dass das Steinsalz mit Karavanen aus Tibet bis ins suedliche Flachland Nepals kam - und Humla konnte nutzniessen. Von Norden kam das Salz, von Sueden das Getreide und der Reis, und immer war was abzuschoepfen. So kommt es, das Humlas Bevoelkerung noch nie ihren Lebensmittelbedarf ganz durch eigene Landwirtschaft selber decken musste. So hab ichs wenigstens von der Ingenieurin mit den Gewaechshaeusern gehoert. Irgendwann kam dann aber China und Baute eine Strasse nach Tibet, so dass Tibet kein Getreide von Sueden mehr brauchte und Indien begann Nepal mit jodiertem Meeressalz zu versorgen. Die Karavanen gabs nicht mehr, und auch weniger Jodmangelkroepfe und Humla versank im “hidden Himalaya”. Seit dem sind die die aermste und unterernaehrteste Region Nepals und das lokale Getreide (viel Buchweizen, Gerste, Mais, und ne Reihe von pflanzen die ich noch nie gesehn hab) reicht nicht und das Gemuese sowieso nich.
Die Gegend wird auch von der Regierung total vernachlaessigt. Das einzige, was echt geld bekommt sind polizei und Militaer, die da in beeindruckenden Manschaftsstaerken staendig unterwegs sind, gern auch mal so zum Test irgendwelche mienen in der naehe des Kankenhauses sprengen und so fort. Aerzte dagegen kommen nur unfreiwillig in das staatliche krankenhaus. Nach dem Studium nuss man als jungarzt 2 jahre in einer “remote area” - entlegenen Region dienst machen, sonst bekommt man in Nepal den Titel MBBS nicht. (Medical Bachelor and Bachelor of Surgery) und wird nicht in die Aerzteschaft aufgenommen, wenn das nicht so ware wurde die situation noch schwerer sein, aber jedenfalls ist so auch gewaehrleistet, dass keine erfahrenen Aerzte kommen.Statt dessen gibt es diverse dienstgrade von medizinpersonal die nicht studiert haben und teilweise ziemlich Unfug treiben, davon hab ich ja schon geschrieben.
Abgesehen davon ist Humla noch fast vollkommen unverfremdet von westlichem einfluss. Die ganz alten Kulturen (im plural) sind hier noch voll intakt. Bestimmt ein dorado fuer anthropologen. Ich hab ja schon von den Dharmis geschreiben, die uebrigends auch die wichtige aufgabe haben Hexen abzuwehren wenn sie nachts kommen und die Geister zu besaenftigen. In abgefahrener weise ist da ein ganz alter naturglaube mit Hinduismus verwoben worden. UNd wenn die Lokalen Hindufeste stadtfinden, dann darf der Dharmi nicht fehlen. Der Trommelt dann riesige fuerchterlich ungestimmte grosse trommeln oder scheppert grosse blechbecken aufeinander - in ganz genau festgelegtem rhythmus mit vielen anderen, die aehnliche instrumente spielen. Und die Dharmis, wie auch die Leute geraten in extase, beginnen zu zucken und zu krampfen, wenns nicht im rhythmus der trommel waere, koennte man an Epilepsie denken. Riessige Menschenmengen kommen zu solchen anleassen zusammen denn hier werden die Menschen von der Gottheit ergriffen “bagawan lagcha”.
Ja, und neben der ganz alten religiositaet gibts dann noch die ganz neue politisiertheit der aermsten von Nepal. Die Maoisten waren (oder sind) in diesen Gegenden in den Bergen am staerksten. Die Idee von Gleichberechtigung und politischer Teilhabe und gleicher Gueterverteilung sind hier stark. Hammer und Sichel an der Wand.
Keine Ahnung ob das jetzt Humla vorstellbarer hat werden lassen oder eher weniger, ich habs zumindest versucht. Ich haett gern mehr Fotos reingestellt, aber ich hab keine im Moment. Ich werd wenn ich zu hause bin versuchen noch welche einzubaun, mal sehn wie viele ueberleben.
Liebe gruesse euch
Jens

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