Seit 2 wochen und 3 Tagen bin ich jetzt in Simikot. Es ist Freitag der 5te September (glaub ich) Freitag jedenfalls.
Nachdem ich meinen Blog nicht weiterschreiben kann, weil es hier kein Internet gibt, schreib ich jetzt einfach mal so auf dem computer den’s hier gibt und trag die Produkte dann aufm Stick nach KTM ins Internetcafe.
Also, wo anfangen…. ich bin hier sozusagen der Doktor von Humla. Es ist verdammt ruhig fuer die Verhaeltnisse hier aber mir reichts vollkommen. Am Tag kamen nie mehr als 20 Patienten, aber ich war voll ausgelastet, manchmal auch ueberfordert.
Dr. Lama hatte ja gesagt, dass seine Schwestern uns Mitarbeiter soo perfect sind. Das die so ziemlich alles behandeln koennen, vom Schnupfen bis zur abgerissenen Gliedmasse, aber so genz stimmt das nicht. Ich will hier keinem zu nahe treten, die wissen verdammt viel, dafuer, dass sie das fach ja nie systhematisch gelernt haben, oder eben solche Schnellverfahrensausbildungen haben zum “health worker”. Davon hat Nepal glaub ne ganze Menge. Na wie auch immer.
Am Anfang hab ich mich jedenfalls voll drauf verlassen. Ich kam hier an, von kaum was ne Ahnung, zumindest was die praktische Medizin betrifft, und bin am Tag nach der Ankunft in das Behandlungszimmer vom Doctor, und sollte mich auf dessen Stuhl setzen. Wahrscheinlich gibts ausser in den Regierungshaeusern, wo der “regional development officer” und Co residieren nirgends in Humla noch sonen Lederbuerostuhl wie den, auf dem ich da dann sass. Ja und dann hab ich mir die Patienten eben angeguckt und sie untersucht und mir dann von Prem, dem health worker die diagnose vorsagen lassen, und die Therapie auch. Der erste war einer mit ner akuten Gastritis, der Saeureblocker bekam.
Mit der Zeit hab ich aber gemerkt, das dass. was sie sagen nicht immer soo super ist. Am 2ten und 3ten Tag kamen jeweils ne aeltere Frau mit gelenkschmerzen. Die eine bekam von Prem durch mich Calcium, Prednisolon 10mg 3mal Taeglich und Diclofenac 100mg 3mal Taeglich. Die andere bekam Diclofenac 100mg 3mal und dazu Indometazin, weil sie schon Magenprobleme hatte noch 2mal 150mg Ranitidin. Beide waren jeweils nach 5 Tagen wieder da und hatten keine Gelenkschmerzen mehr und dafuer Magenschmerzen. Klar eigentlich. Peinlich auch. Vor allem fuer Prem, der das ja irgendwie schon laeger macht.
Ich hab dann jedenfalls angefangen selber zu denken, zu lesen und so weiter. Ich wollte autonom werden, und eben den Doctor spielen. Zumindest zu der zeit, war ich immerhin derjenige im umkreis von so einigen Tagesmaerschen, der die breiteste Medizinisch theoretische Ausbildung hatte. Von der Praxis, und von der Epidemiologie in Humla und von der Sprache (oder den Sprachen, die Sprechen hier Humli, einen Tibetischen Dialekt den sie Boudhist nennen und Nepali als Amtssprache, soweit ich das verstanden habe. Manche koennen auch nur ihre eigene Sprache) natuerlich hatte ich sicher von allen am Wenigsten Ahnung.
Ich hab dann also beschlossen ich mach folgendes:
Erstens so viel wie geht nachlesen in meinen spaerlichen Buechern. (Das ist echt ein Problem. Ich hab grade mal ein Innere-Buch, ein Arzneimittelbuch und ein Anatomietaschenbuch mit, haette echt auf Klamotten scheissen sollen und mein Gepaecklimit mit Buechern vollmachen sollen. HNO waer hilfreich, und Ophtalmologie und Dermatologie und vor allem Paediatrie)
Seit dem weiss ich jedenfalls, dass 300mg Diclo am Tag zuviel ist und wie man Omeprazol verschreibt und was bei Pneumonie zu tun ist und die Differentialdiagnose von infectioesem Durchfall und was man Schwangeren und stillenden fuer Antibiosen und schmerzmittel geben darf (die Frauen sind ja hier irgendwie alle schwanger oder stillend)… zumindest besser als zuvor.
Zweitens hab ich soweit meine intellektuelle Kapazitaet noch reichte in meinem Buch Nepali gelernt. Das hat inzwischen soweit fruechte getragen, dass ich einfachere Patientengespraeche fast komplett selber fuehren kann und auch dem patienten sage wie er medis nehmen soll und wofuer. – Solang die patienten Nepali verstehen. Natuerlich ist der Patientenzentrierte offene gespraechsteil recht kurz. Weil wenn die erstmal anfangen zu erzaehlen wie die behandlung beim Schamanen war, komm ich nicht mehr mit. Die haben hier noch sone richtige urmedizin. Ich wuerd ja echt gern mal bei sowas dabeisein, muss ich sagen. Von den erwachsenen patienten hat eigentlich jeder spuren dieser Schamanenbehandlung, zumindest bei den doerflern. Allermeistens sind es oftmals symmetrisch angeordnete kreisrunde brandnarben. Ich glaub die machen das mit Steinen, die sie vorher im Feuer anheizen. Es gibt aber auch, bei akuten Schmerzen vor allem, dass die Leute total schlammverschmiert auftauchen, meistens im Gesicht. Was in der dunklen Kruste genau drin ist, weiss ich nicht, aber am Anfang hatte ich echt Angst. Von weitem denkst du das ganze Gesicht ist ne einzige Infizierte Wunde.
Ja und drittens hab ich beschlossen so gut wie moeglich mein Theoriewissen und des echt grosse erfahrungswissen von denen hier so gut wie moeglich zusammenzubringen und nicht eitel zu sein und auch nicht schuechtern. Wenn ich was weiss, dann mach ich das, wenn ich nix weis, dann lass ichs und nehm Vorschlaege dankbar an und am Ende versuch ich mit allem was sich ueber dieses Studium hinweg in meiner Birne angesammelt hat einzuschaetzen ob das was auf dem verschreibungszettel so steht stimmig ist. Das klappt nicht immer aber ich bin mir recht sicher, dass das was wier hier tun mehr hilft als Schaden anrichtet.
In 5 Tagen oder so kommt der Doctor wieder. Darauf freu ich mich natuerlich sehr. Dann, so hoff ich, werd ich noch viel mehr lernen koennen. Trozdem bin ich auch echt froh ueber diese Zeit jetzt, jetzt weiss ich wie das ist, die praxis, das echt selber machen, selber denken, mit ungewissheit klarkommen, entscheidungen treffen… ich denk ich werd mit nem anderen Blickwinkel weiterstudieren. Weniger theoretisch, mehr praktisch. Was mich zum Beispiel an ner Hautkrankheit hauptsaechlich interessiert ist doch, wie sie aussieht und was man machen kann, nicht primaer welche Art von Zellen dran schuld ist.
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