Dienstag, 9. September 2008
Hier sitz ich wieder und schreib. Vor wenigen Tagen, am Samstag, ist ne komplette Familie nit nem 6 Monate alten Saeugling hier aufgetaucht. Wir sassen grade draussen im Hof. Die erzaehlten, das Kind haette Bauchschmerzen, sie waren grade im distrikt hospital gewesen, die haetten gesagt das Kind braucht Medizin, die haetten aber nur grosse Tabletten, hier wearen dagegen Amerikanische aerzte und alles da. Hmm, denk ich mir. Komisch, dass die keine Kindersaefte mehr haben.
Ich also rein ins Untersuchungszimmer und seh zum ersten mal das Kind. Total weg, keine Kontaktaufnahme moeglich, die Augen nach oben seitlich verdreht, zu schwach um dauerhaft zu schreien, also abwechselnd zwischen wimmern und total verstummen, zu schwach zum Athmen fast, also abwechseld zwischen krampfhaft tiefem Athmen und ganz flachen Athemzuegen. Das Herz macht im Rhythmus mit, mal ganz schnell pochend, dann wieder langsam und fast nicht hoerbar. Das kind fiebert, seit gestern trinkt es garnicht mehr, auch kein Wasserlassen, Stuhl eh nicht. Die Fontanelle ist eingezogen.
Ich sitz da und kann nichts machen. Das ist zu gross fuer mich. Das Kind ist wohl wahrscheinlich in ner Sepsis, Gesamtinfektion sozusagen. Was ist mit der Niere los, pinkelt es nicht weil die Fluessigkeit fehlt… oder vielmehr: wuerde die Niere wieder kommen, wenn man Fluessigkeit gibt? Wuerde sie nicht? Wuerde man es mit Medikamenten umbringen, wenn die Niere nicht entgiftet?
Die Mamma weint, die weiss, dass das Kind wahrscheinlich stirbt. Sie entbloesst ihre Brust und drueckt den Nippel und spritzt dem Kind ein bisschen Milch in den halb offen stehenden Mund. Das Kind ist zu schwach zum schlucken. Es ist ihr einziges kind.
Ich sitz da und kann nichts machen. Wie ist diese beschissene Formel fuer Infusionstherapie? 20ml in der ersten Stunde und dann 50ml pro Kilo bis… keine Ahnung mehr. Sobha (die Schwester) sieht mit einem Blick “this is serious case” – das ist ein ernster Fall. Wieso ist denn kein Arzt hier? – denk ich mir. Ruf endlich mal einer einen Arzt! Sobha findet: “we cannot treat here” das koennen wir hier nicht machen. “We refer to Distrikt Hospital.” wir schicken sie ins Bezirkskrankenhaus. Da kommen sie grade her, das bedeutet sie ins Grab schicken, denk ich mir. Ich war mal dort, im District Hospital, und hab auch sonst so die eine oder andere Sache gehoert. Trozdem bin ich jetzt einverstanden, fast erleichtert. Das bedeutet ich muss diese Last nicht schultern, die im Moment einfach zu schwer fuer mich ist. Es gibt vieles was man an technischem sagen koennte, ich hab schliesslich garnix hier, kein Labor, kein Monitoring irgendeiner Art, nichtmal eine Blutdruckmanchette fuer babys, aber am Ende hab ich vor allem keine Ahnung. Dazu kommt, dass dieses ganze Hospital hier, als private Nichtregierungsorganisation es sich nicht leisten kann einen Patienten zu nehmen und sterben zu lassen. Das wuerde weit mehr als nur diesen einen Patienten betreffen.
Ich schick sie also weg, die Mama und das Kind und die ganze Familie. Red’ irgendwas von wegen wir haben die noetigen Geraete und so weiter hier nicht, Sobha stimmt kraeftig zu, von wegen hier gaebe es keinen Sauerstoff, den das Kind aber braucht, den gibts nur im Distrikt Hospital, bla bla, bla, schnell, schnell,…
Ich hab grad meinen ersten schwerkranken Patienten abgewiesen schickt. Fuer mein Gefuehl sicherlich besser als jemanden ins Grab therapiert zu haben… Vielleicht hats das Kind ja auch geschafft im District Hospital, irgendwie… Aber gut gehts mir nicht.
Ich muss noch auf den Zettel fuer die Patientenstatistik die Diagnose schreiben. Ich glotz aufs Papier, stift in der Hand, Sobha schlaegt vor: “referred to district hospital” – an’s Bezirkskrankenhaus uebewiesen. Das steht jetzt also in der Statistik.
“Jetzt koenen wir ja dann endlich was essen” findet Sobha. Nachmittags gibts immer nen Snack. Wir haben heute Nudelsuppe.
Nachts dann: Haett ichs trotz allem versuchen sollen? Ceftriaxon und Kochsalzloesung i.v. auf gut Gleuck und gegen alle Einwaende, Dosis nach Gewicht mit Taschenrechner? Haett ich? Was wenns gestorben waer? Ich war evtl seine letzte Chance… waere sie gewesen…
Tage spaeter:
Ich hab einige Tage nachher erfahren, dass das Kind es geschafft hat. Anscheinend hatten die doch mal nen Arzt da oder sonstjemanden der sich mit sowas auskennt. Oder das Kind hat einfach ueberleben wollen und es selber geschafft oder ich hab den ernst der Lage masslos ueberschaetzt… das glaub ich aber nicht. Auf jeden Fall war ich total froh das zu hoeren und hoff es stimmt auch, habs aus zweiter Hand. Die Erfahrung jedefalls war fuer mich ziemlich krass. Ich hab mal ganz deutlich gesehen, wie viel ich noch lernen muss und ganz deutlich gefuehlt, dass ich das alles auch lernen will.
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