Jens Bode

  Hallo nochmal aus Deutschland

Okt 25 2008 -

06:10 Uhr geschrieben

So, jetzt bin ich also zurück in Deutschland, zu Hause sozusagen. Es ist seit 15 Minuten mein 7ter Tag auf deutschem boden, ich sitze im Waldkrankenhaus auf Arbeit und bin  heifroh, dass nicht besonders viel los ist. Irgendwie dauert der prozess des Zurückkommens und “mich hier wieder zurechtfindens” immernoch an. Ich will mal versuchen noch irgendwas abschliessendes ans Ende dieses Blogs zu schreiben nachdem ihn ja doch einige gelesen zu haben scheinen. ( Mein Bruder weiß ganz genau wie viele ihr seid und woher ihr kommt und wie lange ihr drauf wart. Irgendwie beängstigend dieses Internet. )

Tja, wie also das Ende anfangen? Generell muss ich sagen, dass ich mit meiner eigenen bloggerei nicht besonders zufrieden  bin. Da wär noch so viel gewesen über das es nich zu schreiben gelohnt hätte. Aber gut, was kann man tun. Ein Hauptproblem war einfach, dass es in Humla kein Internet gibt, da konnte ich einfach nicht direkt an euch schreiben. Und in den letzten 2 Wochen dort gabs ja auch praktisch keinen Strom, alles was die solaranlage hergab wurde dringend gebraucht, deswegen hab ich auch so wenig auf Vorrat getippt. Themen die nicht beschrieben wurden waren zum Beispiel:

Unser Labor:

Es bestand aus einem Mikroskop ohne sonstiges Zubehör (vor allem ohne Färbemittel) welches niemals benutzt wurde und einer Siessenvorratspackung von Schwangerschaftstests (die verdammt oft benutzt wurden und meistens positiv waren.

Die Sache mit den Frauen und Maennern und Kindern:

Man wird in Humla als Frau ziemlich ungefragt und ziemlich früh von seinen Eltern Verheiratet. Mit 16 heiraten und mit 20 2 Kinder Haben ist da eigentlich ziemlich normal - gern auch eher. Ich hab da wirklich trauriges mit ansehn müssen. Wenn du na junge Frau in der Sprechstunde hast mit komischen allgemeinsymptomen und Übelkeit ohne erkennbaren grund und du machst mal nen Schwangerschaftstest und das Staebchen steht im Pisseglaeschen und es tritt bedrückte stille ein waehrend die Pisse nach uben klettert und der erste Blaue Streifen taucht auf und es ist klar: Baby im Bauch dann ist das irgendwie kein freudiges ereigniss. Weiss auch nicht. Ich hab da immer den Impuls gehabt mich zu freuen, “ist ja was schönes so neues Leben und so”, aber dort war Zurückhaltung mit derart GEfühlsäusserungen nötig. Meistens hatte ich den Eindruck, der Überbringer schlechter Nachichten zu sein - um nicht zu sagen der Bote eines Schicksalsschlages.  Die Sache mit der Sexualitaet ist einfach wahnsinnig unfrei dort. Totales Patriarchat, die Frau hat sich dem Mann zu öffnen, wenn die Ehe geschlossen ist und dieser es wünscht. Ein (sonst wirklich netter, 20Jaehriger, verheirateter) Nepalese sagte mir: Die Frauen wollen zunächst nie Sex, aber nach kurzem Kampf geben sie nach. Hmm, alles klar. - Und die Sache mit der Verhütung scheint auch nicht so ganz hinzuhauen. Der Staat tut echt viel in dem Bereich. Sterilisierungs-OPs (freiwillig), kostenlose kontrazeptive Hormonbehandlung für Frauen (3 Monats Spritze oder Pille), Kondome… alles da. Wir hatten in unserer Apotheke nur Perlgenoppte Kondome in den Geschmacksrichtungen Banane, Erdbere, Orange und nochirgendwas - ganz normale gebs nicht. - Aber kinder kommen, die ganze Zeit, viele. Die Familiie Braucht nen Männlichen Nachkommen, das mag ein Grund sein, und die Kindersterblichkeit ist hoch, aber erklärt das schon, dass das Durchschnittsalter in Humla 25 ist? Ich glaub ein wichtiges Ding ist einfach auch die fehlende Bildung und dass so irre frueh geheiratet wird und die Maenner über ihre Frauen verfügen können. Jetzt hab ich dazu mehr geschreiben als ich dachte.

 Dr Lama:

was soll ich sagen, viel gesehn hab ich ihn nicht. Er kam nach über 4 Wochen, zusammen mit einem kanadischen Zahnarzt zum “Dental Camp”. Dann gabs 4 Tage lang Marathon-Zaehneziehn und Füllungen machen (ich durfte auch mal nen Zahn ziehn und ein paar Nervenbetäubungen machen) und dann (nach ner weiteren Regenperiode) flog er mit dem Kanadier wieder weg. Ich hab ihn bei der behandlung von weniger als 10 Patienten erlebt. Er ist, nach aussagen der Angestellten im Jahr gradmal 4 Monate da. - Und es ist schon auch so, dass sein Haupttalent in der Organisation und lLokalpolitik liegt, die man braucht um so ein Projekt an so einem Ort zu realisieren. Es ist unglaublich wichtig, dass es so bald wie möglich einen gut ausgebildeten erfahrenen Arzt in diesem Krankenhaus gibt, der nichts macht, ausser Medizin, sodass Dr Lama sich ganz auf Orga und Fundraising konzentrieren kann. Ah, wusstet ihr schon, dass er auch mal 20 Tage lang von den Maoisten entführt worden ist, irgendwohin in den Wald. Ja, ja, die Geschichten.

Famulatur in Humla:

Für den Fall, dass irgendwelche Studenten das hier lesen und sich überlegen ob sie gern mal nach Humla famulieren gehn wollen sei folgendes gesagt:

Auch wenn ihr was anderes hört, geht davon aus, dass kein Arzt da sein wird, nirgends. Man kann alles machen, kann aber niemanden fragen. Die Krankenhausangestellten haben teilweise viel Erfahrung, aber nur “A führt zu B” - Wissen. Warum-Fragen kann man da nicht stellen, und die erfahrung bezieht sich auch nur auf bestimmte bereiche. Vor allem die in Humla häufigen Infektionen aller Art und Gastritis. Ob der gegenwärtig da sitzende Patient nun aber was hat, von dem der- oder diejenige, mit der ihr grade im Office dienst macht Ahnung hat, oder ob da grad Phantasietherapien realisiert werden, oder ob grad falsche “immer schon so gemacht” Therapien verschreiben werden, muss man wissen oder ahnen - und dann möglichst selber was wissen - oder gelesen haben. Unser wesentlich breiteres Theoriewissen mit der dort vorhandenen Erfahrung zu vermischen (nachdem man irgendwie rausgekriegt hat wieviel echte Erfahrung das ist) und für die Patienten das beste rauszuholen ist die Aufgabe die nicht so einfach ist. Und dann die Unsicherheit. Man muss mit ihr leben. Sicherlich auch was, was zu lernen sich lohnt. Man weiss nie mit letzter Sicherheit was die Patienten haben, man hat ja überhaupt keine Diagnostik. Man weiss nie mit letzter Sicherheit ob man mit seiner Therapie richtig liegt, weil kein Artzt da ist, der einem auf die Finger guckt und die Patienten auch nur sehr selten wiederkommen. Schon garnicht wenn’s geklappt hat. (Krankheitsverläufe sieht man also nicht direkt) Man weiss auch nie sicher ob das, was die Angestellten so sagen ne Schätzung ist oder echter Durchblick. Eigentlich weiss man nie irgendwas, man versucht sein bestes und geht mit dem Fluss, … und hofft das keine Katastrophen kommen.

Wenn man an einen Ort wie Humla geht, muss man sich so weit wie nur möglich anpassen. Man ist dort Gast in einer komplett anderen Kultur und Lebenswirklichkeit. Man ist nicht Tourist und hat meiner Meinung nach fast keinen Anspruch darauf seine eigenen Kulturvorstellungen in einer Art zu verwirklichen, die dem dortigen Leben schwierigkeiten bereiten. Ich finde wer so weit weg geht von den Touristenpfaden, muss alles ihm mögliche tun um seinen Fußabdruck so klein wie möglich zu halten. Zum dortigen Leben gehören: Jeden Tag 2mal Reis mit Gemüse essen, kalte Eimerdusche, viel Chilli im Essen, in den Dörfern Häuser mit winzigen fensterlosen Räumen, brettharte Betten, fast keine Kommunikation, Zeitlich total unsicherer Transport, Menschen Rotzen und Spucken und Schmatzen, die Leute sind nicht immer frisch geduscht wenn man sie anfassen muss, nichts ist sicher und pünktlich, Strom schon garnincht, Englischkenntnisse der Bevölkerung sind minimal, meistens garnicht existent…

Tja, also man kann seinen Praxisschock kriegen in Humla, und wenn man das will ist man hier richtig. Wenn man grosse schöne Medizin machen will, oder ne easy listening Famulatur im exotischen Ambiente anstrebt ist man ganz falsch. Ich würde es wiedertun, obwohls nicht immer leicht war und manchmal auch Scheisse. Ich würde mehr Bücher mitbringen und mehr Zeug. Laborzeug zum Beispiel, Urinteststreifen, Färbemittel fürn Blutausstrich, und das wissen ums zu benutzen. (EKG und Pulsoxy wären auch schön oder ein Ultraschall.) So Sachen, von billig bis teuer, die ein bisschen Diagnostik ermöglichen, aber vor allem Bücher. Denn da kommen alle Arten von Patienten und man ist allein. MAn glaubt garnicht was für wissen so in einem drin irgendwo ist, bis man mal alleine echt tätig werden muss, aber man glaubt auch garnicht wie viel Wissen fehlt. Ich bin froh jetzt wieder Student zu sein, ohne jede Verantwortung für der Leben von Patienten und noch ein wenig Gelegenheit zu haben die grössten Lücken zu stopfen bevor ich wieder der Arzt sein muss. Ich bin auch heilfroh, dass nich allzuviele Katastrophen kamen in meiner Zeit in Humla und dass mir keiner gestorben ist. - Aber passieren hätte es problemlos können.



1 Antwort zu “Hallo nochmal aus Deutschland”


  1. Karin Duman schrieb:


    Hallo Jens,
    ich finde es toll, was du gemacht, ja gewagt hast. Deine Mutter hat mir von deiner Website erzählt und nun bin ich dazu gekommen rein zu schauen.
    DAs Thema ist sehr spannend und interessant und ich könnte mir vorstellen, dass du einmal in der vhs darüber referieren würdest. Was meinst du dazu? Meinen Sie dazu?
    Medizin ist ein faszinierendes Thema. Diese aber auszuüben, ohne gewohnte Hilfsmittel und die üblichen Medikamente, wie wir sie hier in jeder Hausapotheke haben, ist mehr als abenteuerlich.
    Über eine Rückmeldung würde ich mich freuen.Vortrag im Semester Herbst-Winter 2009/2010?
    Gruß
    Karin Duman-G.
    Leiterin vhs Stadt Roth
    Tel. 09171/1635

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